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Kinder im Krieg: Neue Ausmaße der Gewalt

So viele Kinder wie noch nie leiden heute wegen Kriegen. Die Anzahl schwerer Kinderrechtsverbrechen hat sich in diesem Jahrzehnt verdreifacht. Die Gewalt nimmt nicht nur zu, sie wandelt sich auch: Klar abgegrenzte Kampfzonen schwinden, es wird die direkte Umgebung von Kindern zum Kriegsschauplatz.

Kinder spielen auf einem Panzer auf dem Bibi Maru Hill in Afghanistan.
Kinder spielen auf einem Panzer auf dem Bibi Maru Hill in Afghanistan. Bild: Kids on Tank, Kabul  Urheber: swiss.frog  Lizenz: CC BY-NC 2.0

Heute ist fast jedes fünfte Kind der Welt von einem Krieg oder Konflikt betroffen. Die Anzahl hat in den letzten zwei Jahren erheblich zugenommen: Derzeit leben weltweit 420 Millionen Kinder in einem Konfliktgebiet, das sind knapp 30 Millionen mehr als noch vor drei Jahren. Hunderttausende von ihnen sterben jedes Jahr an den Folgen von bewaffneten Konflikten. Dabei unterscheiden sich heutige Konflikte stark von jenen der Vergangenheit: Innerstaatliche Konflikte nehmen zu, sie dauern länger an, die Anzahl der beteiligten bewaffneten Gruppen steigt und sie werden zunehmend in Städten ausgetragen. Was bedeuten diese Veränderungen von Konflikten für die Situation von Kindern und welche Maßnahmen ergreift die internationale Gemeinschaft, um das Wohl der Kinder heute und in Zukunft besser zu schützen?


Die sechs schweren Verbrechen gegen Kinder in bewaffneten Konflikten

Der erste umfassende UN-Bericht über die brutalen Auswirkungen von bewaffneten Konflikten und Kriegen auf Kinder und Frauen wurde der Generalversammlung 1996 vorgelegt. Die Verfasserin fordert darin umgehendes und internationales Handeln für einen besseren Schutz von Kindern. Drei Jahre später wurde diesem Thema durch die erste Resolution des UN-Sicherheitsrats zu Kindern in bewaffneten Konflikten höchste Priorität zuteil. Folgende sechs schwere Verbrechen an Kindern in bewaffneten Konflikten wurden darin identifiziert: (1) Tötung und Verstümmelung von Kindern, (2) Rekrutierung von Kindern und deren Einsatz als Kindersoldaten, (3) sexuelle Gewalt gegen Kinder, (4) Kindesentführungen, (5) Angriffe auf Schulen und Krankenhäuser und (6) die Verweigerung des Zugangs zu humanitärer Hilfe. Mit dem Ziel, die UN-Berichterstattung zu den Verbrechen systematischer, genauer und objektiver zu machen, wurde 2005 zudem ein Überwachungs- und Berichterstattungs­mechanismus eingeführt.


Ein katastrophales Jahrzehnt für Kinder weltweit

Die weltweit erhobenen Zahlen der UN-Generalsekretäre zu Kindern und bewaffneten Konflikten von 2010 bis 2018 zeigen: Immer mehr Kinder leben in Konfliktzonen, und alle sechs schweren Verbrechen gegen Kinder nehmen überproportional zu.

Die häufigsten Todesursachen von Kindern in Konflikten sind Krankheiten und die Folgen von Mangelernährung. Es ist ein Verbrechen, den Zugang zu humanitärer Hilfe zu verweigern oder sie zu blockieren. Im Jahr 2017 stieg die Anzahl solcher Fälle weltweit um 50 Prozent an, verglichen mit dem Vorjahr. Alleine im Jemen-Krieg starben innerhalb der letzten drei Jahre über 85.000 Kinder an den Folgen extremen Hungers. Dabei spielte die völkerrechtswidrige Luft-, See- und Landblockade der von Saudi-Arabien geführten Koalition eine wesentliche Rolle, genauso wie die milliarden­schweren Rüstungsexporte europäischer Staaten wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien an die Jemen-Kriegsallianz.

Auch die Anzahl der getöteten und verstümmelten Kinder weltweit hat zugenommen. In Kriegen wie in Jemen, Afghanistan und Syrien werden Kinder gezielt angegriffen. Besonders besorgniserregend ist dabei der Einsatz von Luftangriffen durch Regierungen und internationale Koalitionen.

Die Anzahl der Fälle sexueller Gewalt an Kindern, insbesondere an Mädchen, steigt ebenfalls an. Dies legen Berichte aus vielen verschiedenen Konfliktzonen der Welt dar. Im Krieg in Syrien werden Vergewaltigungen von Kindern als systematische Kriegswaffe eingesetzt. Das Leid, das solche Verbrechen verursachen und die Schäden für ganze Generationen sind extrem folgenschwer.


Drei besondere Herausforderungen

Im März 2019 sprach Virginia Gamba, UN-Sonderbeauftragte für Kinder und bewaffnete Konflikte, vor dem Menschenrechtsrat über drei Entwicklungen, die für den internationalen Kinderschutz neue Herausforderungen darstellen: Erstens, die steigende Anzahl transnationaler Rekrutierung und der Einsatz von Kindern durch nicht­staatliche, bewaffnete und extremistische Gruppen. Darüber hinaus wird eine große Anzahl von Kindern wegen ihrer angeblichen Verbindung zu extremistischen Gruppen inhaftiert. Im Irak sitzen derzeit hunderte Minderjährige wegen angeblichen Verbindungen zu ISIS in Haft. Dort sind sie brutalen Menschenrechtsverletzungen wie Folter und Vergewaltigungen ausgesetzt. Zweitens stiegen die Angriffe auf Schulen und deren Besetzung durch bewaffnete Gruppen deutlich an: 2018 gehört zu den schlimmsten Jahren, seit Angriffe auf Schule dokumentiert werden. Das versperrt immer mehr Kindern den Zugang zu Bildung. Zudem steigt die Angst von Kindern vor Entführungen und sexueller Gewalt, wenn sie in den Unterricht gehen. Drittens hat sich die Anzahl der erfassten Fälle von Kindesent­führungen in Konflikten seit 2017 mehr als verdoppelt. Häufig sind Entführungen ein Vorläufer für andere schwere Verbrechen. In Nigeria zum Beispiel entführt Boko Haram oft gezielt Mädchen und zwingt sie anschließend dazu, Selbstmordattentate zu begehen. Auch die grenzüberschreitenden Auswirkungen sind immens, denn bewaffnete transnationale Gruppen entführen Kinder häufig in Nachbarländer, um sie als Kämpfer auszubilden, zu verheiraten, zu verkaufen oder zu versklaven.


Regeln müssen endlich eingehalten werden

Ein umfassendes internationales Regelwerk zum Schutz von Kindern existiert bereits. Basierend auf den Menschen­rechten und dem humanitären Völkerrecht verspricht es Kindern in bewaffneten Konflikten Schutz und Sicherheit. Dieses Regelwerk wird bisher jedoch nicht durchgesetzt. Die Genfer Konventionen und ihre Zusatzprotokolle bilden mit ihrem Schutz der Zivilbevölkerung in Konflikten den Kern des humanitären Völkerrechts. Die UN-Kinderrechtskon­vention von 1989 fordert den Schutz von Kindern in Kriegen und untersagt, Kinder unter fünfzehn als Streitkräfte einzuziehen. Auch die UN-Entwicklungsziele fordern die Beendigung aller Formen der Gewalt an Kindern und verweisen auf die enormen Langzeitschäden, die dadurch für Gesellschaften und ihre Entwicklung entstehen. Darüber hinaus hat der UN-Sicherheitsrat eine Reihe an völkerrechtlich bindenden Resolutionen zu dem Thema verabschiedet. Weitere bedeutende, wenn auch nicht rechtlich bindende Vereinbarungen wie die „Safe School Declaration“ wurden von einer großen Anzahl an Staaten unterzeichnet. Doch die überproportionale Zunahme von schweren Verbrechen an Kindern in bewaffneten Konflikten zeigt, dass es bisher kein international abgestimmtes Handeln zu deren Schutz gibt.

Wie kann es sein, dass schwere Verbrechen an den Schutzbedürftigsten dieser Welt, unseren Kindern, seit Jahren stark zunehmen? Warum gelingt es der UN mit all den internationalen Konventionen und Resolutionen nicht, Kinder zu schützen? Diese negative Entwicklung der letzten Jahre muss ein Weckruf zum sofortigen Handeln sein. Das Mindeste, das zum Schutz von Kindern umgehend getan werden muss, ist die Umsetzung eines sofortigen Exportstopps von Waffen und Rüstungsgütern in Krisen- und Kriegsgebiete. Zudem ist die Förderung ziviler Krisenprävention weltweit von wesentlicher Bedeutung zum Schutz von Kindern. Ihr muss deshalb höchste Priorität eingeräumt werden.

Laura Reiner

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