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Die Heimat vor Augen: Syrische Flüchtlinge in der Türkei

Die Türkei beherbergt knapp vier Millionen Menschen aus Syrien; bis 2015 war die Reise über die Grenze visumfrei möglich. Heute trennt eine Mauer die beiden Länder. Ein Besuch vor Ort bei jenen, die hier Schutz suchen und sich für andere Schutzsuchende einsetzen.

In einer kargen Landschaft weiden ein paar Kühe neben einem einsamen Baum, im Hintergrund sieht man Grenzzäune und Mauern, dahinter Häuserdächer.
Auch wenn die Häuser auf der anderen Seite der syrisch-türkischen Grenze so nahe wirken, sind sie doch kaum erreichbar. (Foto: Lena Reiner)

Wenn Mohammad* (Name geändert) sich auf seinen Balkon in der türkischen Grenzstadt Reyhanlı stellt, kann er hinüber in seine ehemalige Heimat schauen. Mohammad ist Syrer und lebt seit sechs Jahren in der Türkei. Auf der anderen Seite der Grenze hat er die Diktatur nicht mehr ertragen können und der Krieg machte seiner Familie das Leben zusätzlich schwer. „Die Berge, die man dort sieht, das ist Syrien“, erklärt er und deutet in die entsprechende Richtung. Schaut man aus einem bestimmten Winkel, dann wird die Grenzmauer von Häusern verdeckt, so dass man beinahe die aktuelle politische Lage vergessen könnte: die strikten Grenzkontrollen, die Mauer, die sich die gesamte Grenze entlang erstreckt und mal mit Stacheldraht und mal mit einer zweiten Mauer verstärkt ist. Beinahe könnte man bei der schönen Aussicht vergessen, dass man nicht einfach zum Mittagessen oder für einen Shoppingbummel die Grenze queren kann. Doch das ist seit Einführung der Visumpflicht im Jahr 2015 für syrische Staatsbürgerinnen und -bürger und dem Bau einer Mauer entlang der gesamten Grenze nicht mehr möglich. Das „Niemandsland“ zwischen Mauern und Zäunen wird streng kontrolliert. Auch der Weg in Richtung Syrien, der durch eine Art türkischen Schutzstreifen führt, ist streng reguliert. Selbst humanitäre Helfer dürfen lediglich mit einer gesonderten Genehmigung passieren.

Angst vor der eigenen Heimat

Mohammad sagt auch: „Ich habe Angst, über die Grenze zu gehen“. Als Jurist habe er in den letzten fünf Jahren rund 200 Interviews geführt; allesamt mit Opfern das Assad-Regimes. Meist ging es um Folter in einem der Gefängnisse. Die grausamen Details lassen ihn seitdem nicht mehr los. „Ich muss sie irgendwie abstreifen, wenn ich nach Hause komme. Ich mag meine Familie damit nicht belasten”, sagt er und senkt die Stimme, wann immer er über Details spricht. Seine Familie soll ihn nebenan nicht hören können. Dass der syrische Diktator foltert, sei ihm vorher bereits bekannt gewesen, betont Mohammad. Doch das Ausmaß der Grausamkeiten kenne er erst durch sein Engagement für die Folteropfer. Und seitdem lässt ihn die Angst vor seiner eigentlichen Heimat nicht mehr los. Nur seine Frau habe die Chance schon ein paarmal genutzt, Syrien mit der gemeinsamen Tochter zu besuchen. Zu hohen Feiertagen ist Syrern, die in der Türkei leben, der Grenzübertritt erlaubt, ohne ihren weiteren Aufenthalt in der Türkei zu gefährden.

Hilfeleistung im Grenzgebiet: Eine Herausforderung

Eine Straßenszene in einem etwas heruntergekommenen Stadtviertel.
Selbst in ärmeren Stadtteilen von Gaziantep wie diesem können sich syrische Geflüchtete kaum die Mieten leisten. (Foto: Lena Reiner)

Adnan Wahhoud, der seit fünf Jahrzehnten in Deutschland lebt, hat aus anderen Gründen die Genehmigung zur Grenzüberquerung. Er hält sich in jenem Gebiet auf, das nicht von Baschar al-Assad kontrolliert wird und versorgt in Zusammenarbeit mit der Nichtregierungsorganisation „Violet“ Menschen in Not, Binnenflüchtlinge und Waisen. Violet hat seinen Verwaltungssitz im türkischen Antakya und kooperiert projektbezogen mit UNICEF, der WHO und weiteren UN-Organisationen. Ganz aktuell ist auch die Aufklärung über die Corona-Impfung ein großes Thema, wie er verrät. Gerüchte und Verschwörungstheorien machen leider nicht vor der gut gesicherten Grenze Halt: „Wir bekommen Impfstoff von der WHO, aber die Menschen möchten sich oft gar nicht impfen lassen. Es kursieren zu viele Gerüchte, was daran alles schädlich sei.”

Die Arbeit des Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR), die in der Türkei und im Grenzgebiet seit 1960 betrieben wird, lebt von Kooperationen und Partnerschaften, sowohl mit Nichtregierungsorganisationen als auch mit Behörden. 2016 wurde ein Gastlandabkommen geschlossen, das die Zusammenarbeit zwischen den türkischen Behörden und den Vereinten Nationen stärkt und formalisiert. Rund 3,7 Millionen Syrer leben derzeit in der Türkei mit temporärem Schutzstatus, mehr als 330.000 weitere mit internationalem Schutzstatus sowie Asylbewerber anderer Nationalitäten, erläutert Cem Mehmethanoglu, Sprecher des türkischen UNHCR-Sitzes.

Ankommen in der Türkei

Zwei Männer stehen auf einer ruhigen Straße und lächeln freundlich in die Kamera.
Mustafa Karali und Nadir el Jarrah in der Straße, in der das neue Gemeinschaftszentrum von „Rainbow Kids“ entsteht. (Foto: Lena Reiner)

Am sich Einleben in der Türkei arbeiten derweil Mustafa Karali und Nader al Jarrah. „Willkommen in Klein-Syrien!”, begrüßt Karali Besucher auf der Baustelle des neuen Standorts des von ihm geleiteten Projekts „Kids Rainbow“ in Gaziantep. Das Haus, so sagt er, sehe genauso aus wie typische Gebäude in Syrien, mit einem Lichthof, dem Feigenbaum im Inneren und den lauschigen Ecken. Nicht nur hier wird deutlich, wie viele Gemeinsamkeiten die beiden Länder haben, die derzeit durch eine beinahe unüberwindbare Grenze getrennt sind. Immer noch überwiegt das, was in den Jahren zuvor ausgetauscht werden konnte: sprachlich, kulturell und kulinarisch gibt es viele Parallelen.

Die Zweimillionenstadt Gaziantep liegt nur 92 Kilometer vom syrischen Aleppo entfernt und beherbergt rund eine halbe Million Syrerinnen und Syrer. Mittendrin bietet das syrisch geführte Projekt „Kids Rainbow“ nicht nur Unterricht an, der die Kinder auf den Besuch einer türkischen Schule vorbereitet, sondern auch Arabischunterricht. Das klingt verwunderlich – die eigene Muttersprache in der Schule zu lernen. Doch das ist es eigentlich gar nicht, betonen Karali und al Jarrah: „Viele der Eltern haben selbst maximal die Grundschule besucht, sie können ihren Kindern kein Arabisch beibringen”, erklärt al Jarrah. Zu komplex sei die Sprache, hinzu kämen die unterschiedlichen Dialekte und die Form des Hocharabischen, die man zum Verständnis von Nachrichtensendungen und dergleichen beherrschen müsse. „Etwa ein Jahr Unterricht ist sinnvoll, um das wirklich zu verstehen”.

Gleichzeitig ist ihr Projekt viel mehr als eine Schule. „Kids Rainbow“ ist ein „safe space”, ein Gemeinschafts- und Begegnungsort. Hier wird gemeinsam gekocht, gelacht, gebastelt. Und weil viele der Kinder und auch viele ihrer Eltern an dem schwer zu tragen haben, was sie vor ihrer Flucht aus der Heimat erlebt haben, wird außerdem psychosoziale Beratung angeboten. Letzteres allerdings nicht von Karali, al Jarrah und ihrem Team, sondern in Zusammenarbeit mit ASAM. In der Türkei ist ASAM eine der zentralen Partnerorganisationen des UNHCR. Als gemeinnützige Nichtregierungsorganisation setzt sich ASAM für das Ziel ein, Flüchtlinge, Asylbewerber und andere Schutzsuchende zu unterstützen und zu beraten – derzeit mit 72 Büros in 46 Provinzen der Türkei. „Kids Rainbow“ ist damit eines von zahlreichen Projekten, das von der Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen profitiert.

Lena Reiner

Übersetzung und Beratung von Rana Kerdieh

Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Recherchestipendiums der DGVN zum Thema „Herausforderung Mixed Migration“, finanziert mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

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