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Weltbevölkerungsbericht 2021: „Mein Körper gehört mir“

Für viele Mädchen und Frauen weltweit ist das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung noch immer nicht verwirklicht. Fortschritte, Hemmnisse und Rückschläge beschreibt der neue Weltbevölkerungsbericht des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA).

Bild: Künstlerische Illustration von Rebeka Artim, UNFPA Weltbevölkerungsbericht 2021
Bild: Künstlerische Illustration von Rebeka Artim, UNFPA Weltbevölkerungsbericht 2021

Unter dem Titel „Mein Körper gehört mir: Das Recht auf Autonomie und Selbstbestimmung einfordern“ macht der aktuelle Bericht deutlich, wie sehr ein würdevolles Leben und die Chancen auf Selbstverwirklichung von Frauen und Mädchen beeinträchtigt sein können, wenn sie nicht die Möglichkeit haben, über ihren Körper selbst zu bestimmen.

„Die Rechte von Frauen und Mädchen werden fortwährend in eklatanter Weise verletzt“, heißt es in dem Bericht. Dies gelte umso mehr, wenn sie aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihres Alters, ihrer sexuellen Orientierung, ihres Einkommens oder einer Behinderung diskriminiert würden. Weltweit hätten Frauen im Durchschnitt nur 75 Prozent der gesetzlichen Rechte, die Männern zugestanden werden.

„Eine Hauptursache ist die Geschlechterdiskriminierung, die patriarchale Machtsysteme widerspiegelt, aufrechterhält und zu einer Ungleichheit der Geschlechter und Entmündigung führt“, heißt es im Weltbevölkerungsbericht. Doch auch Rechts- und Wirtschaftssysteme, die Frauen ihre finanzielle Unabhängigkeit verweigern, patrilineare Vererbungstraditionen und Bildungssysteme, die Mädchen Wissen vorenthalten, untergraben ihre Rechte. Bis heute könne noch kein Land von sich behaupten, eine vollständige Gleichstellung der Geschlechter erreicht zu haben.

Fortschritte und Rückschritte

Dabei reichen die Bemühungen darum schon Jahrzehnte zurück. Im Jahr 1994 hatte die Weltbevölkerungskonferenz von Kairo mit ihrem Aktionsprogramm wichtige Weichen gestellt und Fortschritte vorangetrieben. So habe sich die Nutzung moderner Verhütungsmittel seit 1994 mehr als verdoppelt, bilanziert der Bericht. Der Anteil der Frauen und Mädchen, deren Genitalien verstümmelt werden, sei zurückgegangen und ebenso der Anteil der Mädchen, die bereits als Kinder verheiratet werden. Doch es bestehe weiterhin enormer Handlungsbedarf.

Um ein genaueres Bild über die Selbstbestimmung von Frauen und Mädchen zu bekommen, hat UNFPA Daten aus 57 Ländern ausgewertet, die meisten davon in Afrika südlich der Sahara. Die Ergebnisse zeigen, dass im Durchschnitt erst 55 Prozent der Mädchen und Frauen in den erfassten Ländern frei darüber bestimmen können, ob sie Sex haben wollen, verhüten oder Gesundheitsversorgung in Anspruch nehmen möchten. In einigen Ländern gelte das sogar nur für zehn Prozent der Frauen. Dabei sind Fortschritte und Rückschläge uneinheitlich. In vielen Ländern wurde die Gesundheitsversorgung ausgebaut. Auch Länder mit niedrigem Einkommen können ein unterstützendes rechtliches und regulatorisches Umfeld schaffen. Besonders gering ist aber die Entscheidungsfreiheit von Frauen, wenn es darum geht, Sex verweigern zu können – in vielen Ländern und oft mit negativer Tendenz. Mehr als der Hälfte der Länder, für die mindestens zweimal Daten erhoben wurden, haben zwischen 2005 und 2018 an Boden verloren, was die Freiheit von Frauen betrifft, Sex abzulehnen.

Rückschläge durch die Corona-Pandemie

Unter dem Druck der Pandemie auf Gesellschaften, Gemeinschaften, Familien und Gesundheitssysteme hat sich die Situation von Frauen und Mädchen kaum verbessert, sondern eher wieder verschlimmert. Zunehmende häusliche Gewalt einschließlich sexualisierter Gewalt ist eine der offensichtlichsten Verwerfungen während der Pandemie, auch in reicheren Ländern.

In Ländern mit niedrigerer menschlicher Entwicklung werden Mädchen, die angesichts von Schulschließungen nicht mehr zur Schule gehen können, nicht selten frühzeitig verheiratet. In Äthiopien, Kenia, Nigeria oder dem Sudan sind sie damit einem erhöhten Risiko ausgesetzt, in Vorbereitung auf eine Eheschließung einer Genitalverstümmelung unterzogen zu werden.

Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) als Herausgeberin der deutschen Kurzfassung des Berichts weist darauf hin, dass angesichts geschlossener Schulen zur Eindämmung der Corona-Pandemie Mädchen stärker sexualisierter Gewalt ausgesetzt sein können. Auch würden aufgrund von Lockdown-Bestimmungen viele Dienste im Bereich sexuelle und reproduktive Gesundheit nur eingeschränkt arbeiten. Es kommt zu Einschnitten bei der Unterstützung in der Familienplanung (Empfängnisverhütung, Kinderwunschbehandlung, Gesundheitsversorgung von Müttern, sicheren Schwangerschaftsabbrüchen), der Prävention sexuell übertragbarer Krankheiten einschließlich HIV und einer umfassenden Sexualaufklärung.

Körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung als Grundlage

Die Verwirklichung der körperlichen Selbstbestimmung und Unversehrtheit von Frauen und Mädchen hängt davon ab, dass die Gleichstellung der Geschlechter an allen Fronten erreicht werde, heißt es in dem Bericht. Dies gilt auch umgekehrt: Selbstbestimmung über den eigenen Körper ist eine wesentliche Grundlage für eine Vielzahl wichtiger Wahlentscheidungen in der persönlichen Lebensführung. Kann eine Frau selbstbestimmt über ihren Körper entscheiden, erhöhen sich ihre Chancen auf einen besseren allgemeinen Gesundheitszustand, auf Eigentum, Erwerbstätigkeit und Freizeit.

„Echter, nachhaltiger Fortschritt hängt in weiten Teilen davon ab, dass die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und alle Formen der Diskriminierung beseitigt und die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen, die sie aufrechterhalten, verändert werden“, schreibt Natalia Kanem, Exekutivdirektorin von UNFPA, in ihrem Vorwort zum Bericht. Viel mehr Männer als bisher müssten die überkommenen Muster von Privilegien und Dominanz überwinden, die die körperliche Selbstbestimmung von Frauen und Mädchen massiv untergraben, und sich auf eine gerechtere und harmonischere Lebensweise hinbewegen, von der alle profitieren.

Weitere Informationen:

UNFPA: State of World Population 2021. My body is my own. Claiming the right to autnonomy and self-determination.

Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW)/UNFPA: UNFPA-Weltbevölkerungsbericht 2021: Mein Körper gehört mir: Das Recht auf Autonomie und Selbstbestimmung einfordern (deutsche Kurzfassung)

Christina Kamp

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