Menschenrechte aktuell

Gewalt gegen Frauen: Keine Frage der Ehre

Zwei lächelnde Frauen stehen vor dem afghanischen Parlament.

Diskriminierungen und Gewalt gegen Frauen sind weltweit verbreitet. Sogenannte "Ehrenmorde" sind deshalb keine isolierten Einzeltaten, sondern spiegeln die Menschenrechtssituation einer Gesellschaft wider. ©UN Photo/Eric Kanalstein

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen (UN) werden jedes Jahr weltweit 5.000 Frauen ermordet und misshandelt, weil sie vermeintlich den Ruf der Familie beschädigt haben. Diese „Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts“ oder auch als sogenannte „Ehrenmorde“ bezeichneten Gewaltakte beruhen auf strukturellen Diskriminierungen und Gewalt gegen Frauen. In Afghanistan, einem Mitgliedsstaat, in dem diese Praxis relativ weit verbreitet ist, soll gegen die Straflosigkeit der Täter*innen jetzt mit einer Veränderung des Strafrechts vorgegangen werden.

Die Menschenrechtsverletzung, die im Englischen als „gender-related killing“ bezeichnet wird, entspricht im Deutschen dem etwas sperrigen Ausdruck „Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund des Geschlechts“. In Anlehnung an den englischen Begriff „homicide“ (dt.: Tötung) wird auch häufig von Femicide gesprochen. Alle Umschreibungen meinen im Kern dasselbe: den Mord an Frauen, nur weil sie Frauen sind, also ausschließlich aufgrund eines zugeschriebenen Geschlechts. Als Motiv und Ursache liegen diesen Morden strukturelle Diskriminierungen von Frauen und Mädchen zugrunde. In einem Bericht über Ursachen und Konsequenzen von Gewalt gegen Frauen von Rashida Manjoo (UN-Sonderberichterstatterin über Gewalt gegen Frauen, im Amt von 2009 bis 2015) werden diese Morde als ultimative Gewaltakte gegen Frauen beschrieben, die in Gesellschaften weltweit in einem Kontinuum von Gewalt und Diskriminierungen passieren. Morde an Frauen aufgrund ihrer geschlechtlichen und sozialen Zugehörigkeit bzw. den damit verbundenen gesellschaftlichen Ansprüchen an sie, sind deshalb nie isolierte Einzeltaten, die plötzlich oder gar überraschend auftreten. Letztendlich handelt es sich hierbei vielmehr um ein kalkuliertes Vorgehen, um Frauen und Mädchen Gleichberechtigung und Gleichstellung zu verwehren und sie zu unterdrücken oder Rache zu üben.

Eine ältere Frau sitzt vor einer Tür. Im Hintergrund sieht man eine Mutter und ihr Kind.
Täter*innen von sogenannten "Ehrenmorden" kommen meist aus dem Nahraum, z. B. der Familie, des Opfers und sind überwiegend männlich. ©UN Photo/Eric Kanalstein

Sogenannte „Ehrenmorde“ als Spiegel der Gesellschaft

Sogenannte „Ehrenmorde“ sind ein Beispiel für eine Tötung aufgrund des Geschlechts. Sie sind Ausdruck einer gesellschaftlichen Ordnung, einer individuellen Moralvorstellung oder eines Weltbildes, welches Frauen ihre Menschenrechte verwehrt. Meist geht es darum Entscheidungen, die die sexuelle Selbstbestimmung der Frau betreffen, zu kontrollieren und ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken. Der Begriff der Ehre wird hier instrumentalisiert, um die Tötung als ehrbaren, nötigen Akt der Befreiung und Schutzes der Familie zu verteidigen. Er impliziert, dass die Frauen selbst Schuld seien. Denn sogenannte „Ehrenmorde“ sollen eine Familie vor der vermeintlichen Schande, die eine Frau durch ihr Verhalten auf sie gebracht haben soll, bewahren.

Belastbare Zahlen zu sogenannten „Ehrenmorden“ gibt es nur wenige. Schätzungen zufolge wird der Großteil dieser Verbrechen nie zur Anzeige gebracht. Eine zunehmende Verstädterung und Medialisierung von Gesellschaften führen jedoch dazu, dass sie seltener unbeachtet bleiben. In den wenigen Fällen, in denen diese Menschenrechtsverletzungen vor Gericht landen, werden die überwiegend männlichen Täter aus dem Nahraum des Opfers, zum Beispiel der Familie, nicht zur Rechenschaft gezogen.

Eine Frau wird von einer Gruppe Journalist*innen interviewt.
Sogenannte "Ehrenmorde" müssen zukünftig auch als Morde geahndet werden. Der Ehrbegriff darf in der Bewertung der Tat nicht länger instrumentalisiert werden. ©UN Photo/Fardin Waezi

Afghanistan setzt ein Zeichen gegen Straflosigkeit

Afghanistan ist einer der UN-Mitgliedsstaaten, in dem sogenannte „Ehrenmorde“ relativ weit verbreitet sind. Der afghanische Staat hat nach der Ratifizierung zum Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau im Jahr 2003, 2009 ein Gesetz zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen verabschiedet. Im März 2018 verkündete die UN Mission in Afghanistan (UNAMA) nun, dass auch das Strafgesetz in Afghanistan geändert wurde. Sogenannte „Ehrenmorde“ fallen in ihrer juristischen Bewertung jetzt nicht mehr unter die Ermessensbefugnis der einzelnen Richter, die häufig der gesellschaftlichen Leitlinie nachgaben und urteilten, dass der Mord zum Schutz der Ehre unausweichlich gewesen wäre. Fortan sind sie als Mord zu behandeln und zu ahnden. Das Hohe Kommissariat für Menschenrechte (UNHCHR) sieht dies als einen wichtigen Schritt an, um Straflosigkeit entgegenzuwirken. Darüber hinaus steht dieser Schritt im Einklang mit der letzten Resolution der UN-Generalversammlung zu diesem Thema, die hervorhob, dass solche Verbrechen per Gesetz bestraft werden müssen. Die Resolution betonte zudem, dass die sogenannten „Ehrenmorde“ unvereinbar mit allen religiösen und kulturellen Werten sind.

Eine juristische Handhabe gegen Menschenrechtsverletzungen ist immens wichtig. Denn Straflosigkeit normalisiert gewalttätiges Verhalten und verhindert, dass Menschenrechte einen festen Wert in der Bewertung und Einordnung von gesellschaftlichen Zusammenleben erhalten. Daneben braucht es aber auch eine gesellschaftliche Transformation, welche die vollständige und anerkannte Gleichberechtigung von allen Geschlechtern und Ausdrücken von Gender-Identitäten zum Ziel hat.

Claudia Jach

 

 

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